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Mit 15 Euro durch die Woche – Tag 2: Nachdenklichkeit, Armut und Premium-Leitungswasser

 

Nach heiterem Gekoche und noch viel heiterem Geschreibe an Tag 1 wird es heute ein wenig nachdenklicher. 3 Euro am Tag sind mein Budget, eine Woche lang. Was für mich eine temporäre Einschränkung darstellt, ist für andere Menschen brutaler Lebensalltag. Eine Leserin schreibt: “Damit auszukommen ist ja einfach.” – und sie hat Recht. Mit meinem Budget lebe ich zwar knapp unter der Grenze, an der die “offizielle” Armut in Deutschland beginnt, dennoch bin ich in einer ausgesprochen angenehmen Position. Ich kann jederzeit in mein altes Leben zurückflüchten.

Wie bereits anfangs erwähnt, wollte ich mit diesem Experiment keine Armuts-Simulation für 5 Tage starten. Dennoch kam ich im Zuge der Aktion nicht umhin, mir einige Gedanken zu machen, wie es wäre, immer mit diesem Budget leben zu müssen – verbunden mit der Erkenntnis, dass viele Menschen mit genau diesem Schicksal fertig werden müssen. Armut ist ein Begriff, der zunächst willkürlich verwendbar erscheint, doch laut Statistischem Bundesamt gibt es eine exakt festgelegte, finanzielle Schwelle, die den Übergang in ein Dasein in Armut kennzeichnet. Armutsgefährdet war im Jahr 2010 “wer nach Einbeziehung staatlicher Transferleistungen ein Einkommen von weniger als 11 278 Euro im Jahr beziehungsweise 940 Euro monatlich zur Verfügung hat.”  Eine weitere Statistik des Bundesamtes gibt an, dass deutsche Haushalte rund 14,3% des Konsumbudgets in Ernährung investieren.

Wer demzufolge im Monat weniger als 134 Euro für Lebensmittel investieren kann, gilt als arm. Auf den Tag umgerechnet wären das etwa 4,40 Euro. Mein kleines Experiment, das ich in einem kontrollierbaren Zeitraum und in einem sicheren Umfeld durchführe, bewegt sich demnach knapp unterhalb dessen, was die deutsche Statistk als Armut definiert. Ich habe jedoch das Glück, dass ich auf einen Fundus an Basics zurückgreifen kann. Mehl, Zucker, Salz und Öl summieren sich auf zu einem Betrag, der bei einem Budget von knapp 140 Euro im Monat über schwarze oder rote Zahlen entscheiden kann.

Zahlen und Statistiken sind tückisch. Sie wirken abstrakt und wissenschaftlich, sodass man leicht vergisst, dass hinter jeder Zahl tausende einzelner menschlicher Schicksale stehen. Für Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben, kann sich eine Thematik, wie sie auf diesem Blog behandelt wird, gar nicht erschließen. Essen und Trinken sind für diese Menschen pure Notwendigkeit, die reine Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses. Das sollte man bei aller Schlemmerei nicht vergessen.

Ein weltweites Projekt, auf das mich eine Leserin aufmerksam gemacht hat, versucht, genau dieses Bewusstsein zu wecken: Live below the Line ist im Prinzip die verschärfte Version meines Experiments, der Versuch, fünf Tage lang in Verhätnissen auszukommen, die als “extreme Armut” bezeichnet werden. 2005 legte die Weltbank fest, dass jeder der  1,25 Dollar (oder den enstprechenden Betrag in der eigenen Währung) für die Lebensmittelbeschaffung zur Verfügung hat, in extremer Armut lebt. Der Betrag von 1,25 wurde dabei so gewählt, dass er  Kaufkraftparität gewährleistet – verschiedene Währungen, vor dem Hintergrund unterschiedlicher Wirtschaftssysteme können so verglichen werden.

Ziel der Kampagne ist es nicht nur, ein Bewusstein für die Wertschätzung von Lebensmitteln und für die Nöte in Armut lebender Menschen zu wecken, sondern auch eine finanzielle Hilfe für die Bedürftigen bereitzustellen. Die Einsparnis durch die fünftägige Budgetbeschränkung soll als Spende bei der Bekämpfung der Ursachen helfen. In den USA und England beginnt die Aktionswoche am 7. März und endet am 11. März, auch in Australien und Neuseeland hat sich die Kampagne zu einer ganzen Bewegung entwickelt.

Dennoch bleiben einige kritische Aspekte: Mit 1,25 Dollar müssen Menschen in Armut nicht nur Lebensmittel finanzieren, sondern den gesamten Lebensalltag meistern. Müsste eine solche Kampagne nicht auch andere Lebensbereiche miteinbeziehen, um einen realistischen Eindruck vom Leben in Armut zu vermitteln? Wie genau soll mit den Spenden die Armut bekämpft werden?  Mehr dazu in einem Artikel der Huffington Post.

Themenwechsel: Meine gesamte Aktion wäre ohne einen Luxuszustand nicht möglich: Ich kann während dieser fünf Tage komplett auf gekaufte Getränke verzichten und mir das Wasser aus dem Hahn zapfen. Das ist ein weiterer Aspekt, der einen Vergleich zwischen einer Armutssituation in einem Entwicklungsland und in Deutschland nicht zulässt. Die Abhängigkeit vom Leitungswasser war für mich Grund genug  zu recherchieren, ob ich meinem Körper damit einen Gefallen tue. Und ja, es scheint so:

Glaubt man den Münchner Stadtwerken und den Marketingstrategen der Stadt München, trinkt man hier “eines der besten Leitungswasser Europas.” Aus dem Magfallgebirge des Voralpenlandes kommt dieses Wasser, nach Angaben der Stadtwerke “glasklar” und ohne zusätzliche Pumpenergie in die Haushalte von 1,3 Millionen Münchnern. Allein der Wasserdruck durch das Gefälle reicht aus, damit das Trinkwasser die Hähne erreicht. Einen unabhängigen Vergleich zu anderen Städten in Deutschland konnt mir Google leider nicht liefern. Solange die Behauptung jedoch nicht wiederlegt wird, glaube ich diesem Urban Myth ganz blauäugig und genieße mein Luxuswasser.

Ach ja: Auch heute habe ich gekocht, erfolgreicher als gestern und sehr sättigend. Morgens gab es Joghurt mit Apfelstücken und Müsli (zubereitet wie gestern), mittags eine Kartoffelsuppe mit selbstgemachten Röstzwiebeln und abends Grießschnitten mit karamellisierten Walnüssen. Für morgen ist dann der Schweinebraten geplant – abends zum Länderspiel, versteht sich. Und dann geht’s auch wieder mehr um die Grundidee dieses Experiments – meine Erfahrungen und die Alltagsbewältigung mit eingeschränkten finanziellen Mitteln.

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