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Ein Monat mit Gemüse: Tagebuch eines Fleisch-Entzugs

 

Monat ohne Fleisch1

Liebe geht durch den Magen. In meinem Fall sogar im wörtlichen Sinne, denn meine Freundin ist Vegetarierin. Immer wenn wir gemeinsam in der Mensa der Uni Hamburg stehen, guckt sie ganz traurig – das fleischlose Angebot ist mager. Ihr Blick verrät die leise Hoffnung, dass von irgendwoher jemand kommt und ihr das Vegetarierschicksal erleichtert.  Held, der ich bin, beschloss ich deshalb einen Monat lang ohne Fleisch zu leben, um den Blick meiner Freundin besser zu verstehen. Dies ist mein Tagebuch. Von Danny Marques Marcalo

Tag 0:

Bevor ich mich also darauf einlasse einen Monat keinen Fleisch zu essen, habe ich es heute Abend noch einmal krachen lassen. Es gab Steak. Kann ich mir natürlich allein nicht leisten, musste also meine Mama darauf hinweisen, dass sie mich ja schon lange nicht mehr zu Essen ausgeführt hat. Das Steak…oh ja…medium rare…mhm…schön rot…rrrr…saftig, schön in kleine Stückchen geschnitten, die mir fast auf der Zunge zergehen. Da hat es mich auch nicht gestört, dass meine Mutter die ganze Zeit dazwischen faselte, ob ich denn jetzt auch einer von „denen“ werden würde. „Ich finde das gar nicht gut, der Mensch braucht Fleisch“, sagte sie. „Das werden wir ja sehen“, dachte ich.

Tag 1:

Ich bin guter Dinge. Der erste Tag ist geschafft. Hab meistens sowieso keine Zeit richtig zu Kochen. Arbeiten, Uni, und das alltägliche Chaos. Beim Einkaufen hab’ ich es geschafft straight an der Fleischtheke vorbeizulaufen und mir nicht die obligatorische Wiener Wurst zum probieren geben zu lassen. Warum kriege ich da eigentlich jedesmal ein Würstchen? Kaufe mir fast nie welche, die versuchen mich aber trotzdem jedesmal anzufixen.

Tag 3:

Heute das erste Mal in der Mensa gewesen. Als Fleischessen gab es heute Kalbsschnitzel. Für Vegetarier gab es heute Farfalle mit Champignonsauce. Irgendwie unfair.

Tag 6:

Fast eine Woche ist geschafft. Eines ist doch bemerkenswert: Während es mir leicht fällt zu Hause vegetarisch zu essen, ist es schwer dies auswärts zu tun. Habe mich mit einem Freund zum Mittagstisch beim Portugiesen getroffen. Anstatt des üblichen Grillhuhns habe ich gefragt, ob es denn auch eine Alternative ohne Fleisch gibt. Guckt mich der Kellner an und fragt, ob ich das ernst meine. Ich gucke ihn an, gucke meinen Kumpel an, mein Kumpel guckt zurück, zuckt mit den Schultern. Der Kellner auch. Geht der Kellner schließlich in die Küche und fragt. Kommt wieder. „Gibt auch Nudelauflauf, wollen Sie?“ Hörte sich gar nicht schlecht an, nahm ich. Schmeckte dann auch gut. Und dann kam die Rechnung. 13 Euro, während das Hühnchen nur 6,50 Euro kostete. Da frage ich mich ob jede Nudel einzeln aus der Nudelfabrik ins Restaurant gefahren wurde. Die heutige Begegnung ist aber letztlich nicht ungewöhnlich. Wenn ich nicht einfach nur einen ekligen Gurkensalat als Vorspeise will oder eine andere Form von Salat (viele Restaurantbesitzer scheinen zu denken, dass Vegetarier nur Salat essen wollen), muss ich tief in die Tasche greifen.

Tag 8:

Der Gipfel. Gebratenes Gemüse beim Chinamann bestellt. Frittiertes Gemüse bekommen, vollkommen von Fett ummantelt. Brokkoli, Champignons, sogar Spargel dabei. Alles schmeckte aber nach gebratener Ente.

Tag 12:

Komme gerade von einer Geburtstagsparty. War nett. Hab’ ein bisschen Bauchweh. Zuviel Bier und Süßes durchmischt. Aber es lagen halt überall Schälchen mit Gummibärchen rum. Moment mal…Gummibärchen…sind die nicht aus Gelatine? Woraus wird die eigentlich gemacht?

Tag 13:

Meine Freundin hat sich totgelacht heute. „Du hast Gummibärchen gegessen? Dann lebst du doch nicht vegetarisch! Die Gelatine wird doch aus Tierresten gemacht.“ Ich hab’ nicht geantwortet. Sie konnte sich aber gar nicht mehr einkriegen, die anderen Menschen in der Mensa haben schon geguckt. Hab da lieber den Blick in meinen Teller Spaghetti mit Champignonsauce gesenkt…

Tag 17:

„Ich komm jetzt vorbei und bring dir ein Kotelett mit, so kann das nicht weitergehen“, brüllte meine Mutter heute ins Telefon. Ich bin krank. Nicht richtig krank, sondern eher ein bisschen verschnupft. Wahrscheinlich von der Party, bin wieder mit offener Jacke und Fahrrad nach Hause gefahren. Meine Ma schiebt das gleich auf die „fehlenden Vitamine“ im Fleisch. Frage mich, was das für Vitamine sein sollen.

Tag 21:

Drei Wochen. Ich werde kein Vegetarier werden. Das weiß ich jetzt schon. Das liegt nicht daran, dass mir das vegetarische Essen nicht schmeckt. Im Gegenteil. Es gibt geiles Zeug. Falafel oder Dinkel wie Reis, dass ich vorher noch gar nicht so kannte. Und ich hab’ auch gar kein Problem eine Scheibe Cheddar statt einer Scheibe Mortadella auf meinem Toast zu haben. Es ist eher so, dass ich mich eingeschränkt fühle. Ich bin nur wenig zu Hause, muss viel unterwegs essen. Und da ärgert es mich einfach ein, kein Fleisch essen zu können. Und ich kann nicht leugnen, dass es mich auch beeinflusst, zum negativen, kein Fleisch zu essen. Ich bin mir nicht sicher, aber es scheint, als würde ich mich schlapper fühlen als sonst. Hab’ natürlich auch viel Stress. Uni, Job, Freundin, Freunde. Weigere mich aber zu glauben, dass ich das alles nur schaffe, indem ich mir regelmäßig Salami reinpfeife. Es muss also eher ein psychologischer, als ein biologischer Grund sein.

Tag 22:

Fusili mit Champignonsauce. Muss mal `nen Brief an das Studentenwerk schreiben. Das geht so nicht, dass die vegetarische Alternative immer nur aus Nudeln und der immerselben Sauce besteht.

Tag 24:

Hab’ heute in der U-Bahn einen Vater gesehen, der seinen beiden kleinen Kindern Bifi gegeben hat. Mir wurde schlecht.

Tag 27:

Fast geschafft. Ich habe nach wie vor keine Fleischfantasien. Dafür habe ich mir schon ein nächstes Projekt vorgenommen. Einen Monat ohne Schokolade.

Tag 30:

Es ist vollbracht. Ich habe einen Monat ohne Fleisch gelebt. Seltsam, dass ich mich heute nicht sofort wieder auf einen Burger gestürzt habe. Stattdessen habe ich in der Mensa die vegetarische Variante genommen. Ausnahmsweise gab es da mal nämlich nicht Nudeln mit Champignonsauce. Sondern ein vegetarisches Schnitzel mit Süßkartoffelpommes. Das hat mich mehr angemacht als Pannfisch, der aussah wie ein Stück Holzkohle. Das Schnitzel war zusammengepresstes Gemüsemus. Es hat fast so geschmeckt wie Hühnchen. Ein bisschen so wie Fleisch essen. Nur ohne Fleisch zu essen.

One Response to “Ein Monat mit Gemüse: Tagebuch eines Fleisch-Entzugs”

  1. Trixi sagt:

    Hallo, Dein Versuch war echt mutig und sollte auch andere zum Nachdenken und Probieren anregen. Das ständige Überangebot an durch Massentierhaltung erzeugten Fleisch- und Wurstwaren ermöglicht täglichen Verzehr mit allen negativen Auswirkungen für die Gesundheit. Unsere Vorfahren aßen bewusst und mit Genuss den “Sonntagsbraten” und sonst deutlich weniger Fleischerzeugnisse. Mein Vater berichtete mir von einer preiswerten Gasthaus-Speise aus seiner Studentenzeit in Meißen : Brot mit Leinöl und Salz! Nach heutigen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen eine gute Kombination. Vielleicht lädt eure Mensa mal einen Profi-Ernährungsberater ein. Gesund und hochwertig muss ja nicht immer teuer sein. Und für die Nudelküche gibt es viele Gemüsesoßenvarianten. Es kommt immer auf die Mischung aller Ernährungsbestandteile an. Viele Vegetarier und auch Veganer berichten von einem besseren Lebensgefühl nach der Ernährungsumstellung. Man kann ja auch bewusst in kleinen Schritten beginnen. Viel Erfolg beim Verzicht auf Schokolade, bei großer Sehnsucht hilft ein Tee aus Kakaobohnenschalen oder mal einen Löffel Honig, Nüsse, Müsliriegel oder Trockenobst naschen, alles auch gesund und lecker- “Studentenfutter” natürlich in Maßen – nicht in Massen.
    Alles Gute und ein erfolgreiches Studium!

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